DLF Angst vor Gegenlicht

Auftraggeber – Die Angst vor Gegenlicht

Heute habe ich einen etwas anderen Artikel für euch. Ich habe es jetzt schon öfters bei Foto- und Filmjobs erlebt, dass gesagt wird „Man fotografiert/filmt aber nicht ins Gegenlicht“ … „Das macht man nicht“. Ich habe mir dann immer gedacht, woher kommt das? Woher kommt die Angst vor Gegenlicht? Aus diesem Grund schreibe ich jetzt diesen Artikel, da ich hier wahrscheinlich etwas Aufklärungsarbeit leisten muss. 

DLF Angst vor Gegenlicht

Wenn man kurz mal „Gegenlicht + Fotografie“ googelt, bekommt man eine Vielzahl von Tipps und Hinweisen, wie schöne Fotos bei Gegenlicht funktionieren. Mir geht es aber in diesem Artikel nicht um konkrete Tipps, sondern mehr um das Vertrauen, dass man einem professionellen Filmemacher oder Fotograf entgegenbringen sollte. Und darum, wie man Filme und Fotos anschaut. 

Inhaltsverzeichnis

Mythos Gegenlicht = schlecht

Woher kommt überhaupt der Irrglaube, man könne nicht mit Gegenlicht fotografieren? Hier habe ich keine eindeutigen Ergebnisse zu meiner Recherche gefunden. Ich glaube, ich kann es aber rekonstruieren. Als man noch keine digitalen Fotos machen konnte, musste man mit echtem analogen Film arbeiten. Mit Film meine ich Zelluloidfilm. Die Kameras sehen einer DSLR sehr ähnlich und man nennt sich auch fast so – ein SLR (Single-Lens Reflex). Hier legt man ein etwas komisches Band in die Kamera ein und kann dann fotografieren. Man sieht aber nicht sofort das Bild, sondern muss es erst entwickeln lassen. Ich schreibe das alles bewusst sehr ironisch und überspitzt, da viele den Prozess der Analogfotografie nicht mehr wirklich kennen. Ich bin zwar selber noch in der Analogfilmzeit aufgewachsen, habe aber professionell immer nur digital gearbeitet. 

DLF Angst vor Gegenlicht
Wartezeit bei analogen Fotos

Dadurch, dass zwischen dem Fotografieren und dem Anschauen der Bilder oft mehrere Tage oder Woche vergehen, kann man nicht sofort auf Fehler reagieren. Wenn man dann nach einer gewissen Zeit die entwickelten Bilder anschaut und ein Bild zu dunkel ist, dann ärgert man sich. Oft hat man aber vergessen, mit welchen Einstellungen das Bild gemacht wurde. 

Bilder mit Gegenlicht zu dunkel

Die Bilder, die wahrscheinlich zu dunkel waren, waren oft die Bilder, die bei Gegenlicht oder bei schlechten Lichtverhältnissen (Kerzenlicht) entstanden sind. Jetzt kann man natürlich wieder diskutieren, was heißt „zu dunkel“.

Erkennt man auf dem Bild überhaupt nichts, da zu wenig Licht auf den Film getroffen ist, oder sind die Personen im Vordergrund zu dunkel und der Himmel mit Sonne erkennbar. 

Beim ersten Fall hat man wirklich zu kurz belichtet, oder die Blende war zu klein. Hier hat man dem Film wirklich zu wenig Licht gegeben. 

Im zweiten Fall ist der Himmel mit Sonne an sich richtig belichtet, da genügend Informationen enthalten sind. Die Personen im Vordergrund sind natürlich nicht zu erkennen, da sie zu dunkel sind.

DLF Angst vor Gegenlicht

Was hat jetzt der Fotograf im zweiten Fall falsch gemacht? Hat er überhaupt etwas falsch gemacht?

Belichtungsmesser richtig lesen

Viele alte SLR-Kameras haben auch schon Belichtungsmesser, die einem die korrekte Belichtung anzeigen können. Jetzt gehen wir wieder einen Schritt zurück und fragen uns – Was ist überhaupt eine korrekte Belichtung? 

Ist eine korrekte Belichtung, dass man etwas auf dem Bild erkennt? Oder soll man das richtige auf dem Bild erkennen? Ist eine korrekte Belichtung, dass das Bild nicht über- oder unterbelichtet ist?

Ich will ja nicht zu technisch werden, aber bei unserer Gegenlichtaufnahme mit Personen im Vordergrund haben wir unterschiedliche Helligkeitswerte. Der Himmel mit der Sonne ist deutlich heller, wie die Gesichter. Der Kontrast zwischen beiden unterscheidet sich so stark, dass nicht das komplette Spektrum auf dem Film dargestellt werden kann. Daher werden entweder die Personen zu dunkel, oder der Himmel wird stark überstrahlen. 

Der Belichtungsmesser misst natürlich das von der Sonne ankommende Licht. Und so wird er anzeigen, dass es viel zu hell ist. Der Fotograf macht also die Blende zu oder belichtet kürzer. An sich müsste man aber das Licht, das die Personen im Vordergrund im Gesicht haben, messen (hierfür kann man auch einen Hand-Belichtungsmesser nehmen). Hier sind wir aber schon in einem recht professionellen Bereich. Kaum ein spontaner Bildermacher wird sich hiermit beschäftigen. Man verlässt sich hier zu sehr auf die Technik und wird dann enttäuscht von den Ergebnissen enttäuscht. Oft schiebt man dann seine eigenen Fehler auf das vorhandene Gegenlicht. 

Schauspieler Portraits Kathi Wolf
Mit dem Licht fotografieren

Wenn man jetzt aber die Personen nicht ins Gegenlicht stellt und selbst die Sonne im Rücken hat, dann zeigt der Belichtungsmesser auch die korrekte Belichtung der Personen im Gesicht an. Man erkennt die Personen auf den Bildern. Der unerfahrene Bildermacher merkt sich – „Ah, Gegenlicht ist blöd, mit dem Licht fotografieren ist ja viel besser. Da erkennt man alles.“ Wir Menschen geben ja dann unsere Erfahrungen gerne an andere weiter und so könnte der Mythos „Gegenlicht ist böse“ entstanden sein. Das ist jetzt alles nur meine simple Erklärung für die Angst vor dem Gegenlicht. 

Analog vs. Digital 

Jetzt könnte man ja sagen, die digitale Fotografie hat dies um einiges vereinfacht, weil man ja direkt das Ergebnis sieht. Aber meiner Meinung nach wurde das Problem durch die digitale Fotografie noch verschlimmert. Früher musste man sich noch deutlich mehr mit der Fototechnik auskennen. Heute schaltet man eine Kamera an und kann im P-Modus super Bilder machen. Mit dem Smartphone ist es ja ähnlich. Die wenigstens verstehen ja noch was f2,8 und 1/100 heißt oder was eine 50mm Optik ist. 

Die Belichtungsautomatik ist zwar auch schon besser geworden, bei vielen schweren Lichtverhältnissen wie Gegenlicht oder Schnee kommt die Automatik aber auch an die Grenze und so sehe ich bei vielen Fotomachern immer noch dunkle Gegenlichtbilder. Den Satz:„Nein stellt euch nicht gegen die Sonne“ hört man auch immer noch sehr häufig, trotz digitaler Fotografie. 

Warum überhaupt Gegenlicht?

Aber warum will man denn überhaupt ins Gegenlicht fotografieren? Hier kann ich euch meinen Artikel zur Bildgestaltung empfehlen. Es hat einfach etwas mit Bild- und Lichtgestaltung zu tun. Warum gefällt uns denn eine Landschaft mit Abendlicht so? Warum schauen wir gerne in den Sonnenuntergang? Weil es eine besondere Stimmung hat. Man schaut ja nicht nur zur Sonne, sondern auch auf die Landschaft. Die Bäume, Hügel, der See oder das Meer bekommen von der Sonne dann ein Spitzlicht und alles wirkt dadurch besonders. Wir sehen Schatten und Lichter, das macht oft ein gutes Bild aus. 

Es muss natürlich nicht immer Gegenlicht sein, jede Lichtrichtung hat eine besondere Wirkung. 

Probleme mit frontalem Licht

Wenn der Bildermacher die Sonne im Rücken hat, dann wird das Bild in der Regel gut belichtet sein. Die Personen auf dem Bild haben jetzt natürlich die Sonne im Gesicht und müssen oft die Augen sehr zusammenkneifen, damit sie nicht geblendet werden. Das sieht natürlich auch nicht unbedingt gut aus. 

Der Hobbybildermacher denkt sich dann, ok dann mache ich eben Mittags die Bilder machen, da steht die Sonne so hoch, dass sie nur auf die Köpfe und nicht in die Augen strahlt. Hier bekommt man aber die typischen dunklen Augenhöhlen (Pandaaugen auch genannt).

Natürlich kann man auch Mittags schöne Bilder machen, man sollte sich dann aber eher in den Schatten bewegen. Zum Beispiel unter einen Baum oder in den Schatten von einem Haus. 

Mehr dem Profi vertrauen

Ich habe das Thema mit Absicht etwas ausführlicher betrachtet, damit jeder das Problem versteht. Mir geht es hier darum, dass man dem professionellen Filmemacher oder Fotograf einfach mehr vertrauen soll, wenn man sie schon extra gebucht hat. Ich sage dem Bäcker ja auch nicht, wie er seine Brötchen machen soll oder dem Friseur, wie er die Schere halten soll. Natürlich möchte ich ein gewünschtes Ergebnis, aber teilweise können Laien ein gutes Bild nicht wirklich beurteilen. Das muss ich leider so hart formulieren. 

Die Filmemacher und Fotografen wissen in der Regel, was sie tun und steuern auch mit Lampen und Blitzen nach. 

Über Geschmack lässt sich streiten

Wenn man jetzt natürlich sagt, „nein Gegenlicht gefällt mir von der Bildästhetik nicht“, dann ist das etwas anderes. Derjenige muss es mir aber dann genau erklären können, was ihm nicht gefällt und nicht mit „das macht man nicht.“

DLF Angst vor Gegenlicht

Noch ein Beispiel aus meiner Laufbahn. Bei einem Mitarbeiter Fotoshooting habe ich die Mitarbeiter vor ein großes Fenster platziert. Das restliche Büro sah einfach nicht so schön aus und so habe ich dann lieber das Fenster mit Bäumen im Hintergrund genommen. Zum Aufhellen von Vorne habe ich mit einer großen Softbox geleuchtet. Ein Mitarbeiter war so außer sich über das Fotografieren gegen das Licht, dass er fast keine Bilder in diesem Setups machen wollte. Er hat nur darüber gemeckert, dass man keine Bilder mit Gegenlicht macht. Als er dann noch sagte, dass er selber Fotos macht, wusste ich auch schon Bescheid. 

Leider ist man hier als engagierter Fotograf in einer schweren Situation. Man ist ja gebucht, um einen bestimmten Job zu machen und nicht über bestimmte technische Aufbauten zu reden. Der besagte Mitarbeiter hat sich aber leider nicht wirklich beruhigen lassen und ich konnte somit auch kein wirklich gutes Bild von ihm machen.  

Hier sind wir wieder bei dem Punkt – mehr dem Profi vertrauen. Ich weiß, das ist für viele, vor allem Hobbyfotografen, schwierig, aber einfach mal machen. 

Dieses Phänomen gilt übrigens nicht nur bei Fotografien, sondern auch bei Filmen. Ich hatte kürzlich erst bei einem Briefing den Satz: „Kein Gegenlicht“. Hier kann man nur noch den Kopf schütteln. Wer denkt sich so etwas aus? 

Zusammenfassung

Jede Lichtrichtung gibt dem Bild oder Film eine bestimmte Stimmung und kann die Geschichte unterstützen. Meiner Meinung nach bekommt man mit Gegenlicht sofort eine dreidimensionale Bildwirkung und einfach mehr Kontrast. Das muss nicht jedem gefallen. Man sollte aber aufhören, bestimmte Lichtrichtungen generell abzulehnen, weil man selbst nicht damit klarkommt. 

Schauspieler Portraits Kathi Wolf
DLF Angst vor Gegenlicht

Im nächsten Artikel gehe ich dann auf den Satz „Man schneidet keine Köpfe an.“ ein. Das ist fast so absurd wie das Thema Gegenlicht. 

Die Beispielbilder habe ich teilweise übrigens von unsplash. Ich kann leider aus vielen Projekten keine Bilder hier im Blog veröffentlichen, weil ich nicht unbedingt die Nutzungsrechte hier habe.

*es handelt sich um Amazon-, EBay-, SmallRig oder Thomann-Affiliate Links.
Das bedeutet, ich bekomme eine Miniprovision, wenn jemand etwas kauft,
das Produkt wird dadurch nicht teurer.

die lichtfänger Josef Sälzle
Josef Sälzle // DIE LICHTFÄNGER Gründer und Filmemacher

Hi, ich bin Josef, Kameramann und Filmemacher.
Ich schreibe in meinem DIE LICHTFÄNGER Blog über Kamera– ,
Lichttechnik und über alles was das Filmemachen angeht.
Mit meiner Filmproduktion DIE LICHTFÄNGER mache ich Filme für Unternehmen & andere Selbstständige. Bei Fragen könnt ihr mir gerne eine Mail schreiben.

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