Analogen Film richtig belichten – ohne Ausschuss
In meinem Artikel zur Auswahl von analogem Film habe ich ja schon etwas meinen Leidensweg mit der analogen Fotografie geschildert. 2011 hatte ich schon ein paar Jahre digital mit einer Spiegelreflex fotografiert, ich hatte auch schon einige Fotojobs gemacht und wusste eigentlich, was ich tue. Blende, Belichtungszeit und ISO hatte ich verstanden und konnte „korrekt“ belichtete Bilder erstellen (mit Belichtung bewusst arbeiten und Licht setzen wusste ich damals aber noch nicht). Ich weiß, was ich tue, dachte ich mir, das kann bei analog ja nicht so anders sein. Als ich die ersten Ergebnisse bekommen habe, war ich komplett zerstört. Das meiste war matschig und unterbelichtet. Ich habe analog wie digital behandelt und das ist der Fehler. Die Belichtung von analogem Film ist der Knackpunkt und auch die Hürde, die viele wieder von der analogen Fotografie abbringt, weil man eben nicht direkt die Fotos kontrollieren kann wie bei digitalen Aufnahmen. Aber mit einem System passiert das nicht.
Inhaltsverzeichnis:
1. Warum Belichtung bei Film anders funktioniert als bei digital
Die Belichtung bei Film funktioniert im Prinzip ähnlich wie bei der digitalen Aufnahme. Ein Sensor sieht das Licht aber anders. Film ist ein physisches Medium, echte Photonen reagieren mit einem chemischen Trägermaterial. Film mag Licht und verzeiht Überbelichtung, digital mag zwar auch Licht, verzeiht aber keine Überbelichtung. Dafür bekommt man etwas mehr in den Schatten. Bei Film dagegen saufen die Schatten ab und sind dann weg. Bei einem digitalen Sensor kann man sehr viel aus den Schatten noch rausholen, teilweise verrauscht, aber die Rauschreduzierung regelt das ja. Aber genau das wollen wir bei der analogen Fotografie nicht. Dafür hat Film die Nase in den Lichtern vorne, bei der digitalen Fotografie gibt es keinen sanften, weichen Verlauf ins Weiß, sondern es brennt teilweise hart aus. Das sieht nicht schön aus. Film läuft dagegen schön sanft und cremig aus.


2. Warum du dich auf den Kamera-Belichtungsmesser oft nicht verlassen kannst
Vorneweg, da Licht etwas Physisches ist, kann man es auch messen. Dafür braucht man einen Belichtungsmesser. Viele analoge Kameras haben einen eingebauten Belichtungsmesser. Leider ist der bei vielen Modellen schon kaputt, oder die Kameras brauchen Batterien, die nicht mehr verkauft werden dürfen. Man bekommt hier natürlich auch Ersatzmodelle, manchmal passt die Spannung aber nicht ganz und so liefert der Belichtungsmesser leicht verfälschte Werte. Wenn man sich daran gewöhnt hat, dann ist das auch kein Problem. Man muss es aber immer im Hinterkopf behalten.

3. Die alte Schule: Sunny 16
Es gibt eine Regel für die Belichtung – die Sunny-16-Regel. Mit dieser Regel kann man die Belichtung einer analogen Kamera ermitteln. Man muss aber unter Umständen etwas rechnen. Also kurz zur Regel. Bei Sonnenlicht stellt man die Blende auf f16, die Belichtungszeit ermittelt man über die ISO mit Zeit = 1/ISO. Bei unserem Kodak Gold heißt das also 1/200 bei Sonnenlicht und f16. Wenn die Kamera kein 1/200 hat, dann 1/250. Bedeutet, wir könnten auch mit einer f8 und 1/500 fotografieren usw.
Die Sunny-16-Regel funktioniert und liefert verlässliche Ergebnisse für den Profi. Als Anfänger tut man sich aber dann doch etwas schwerer, weil man in der Regel noch nicht so geübt mit den einzelnen Blenden und Belichtungszeiten ist. Andere Guides empfehlen, sich komplett auf die einzelnen Parameter zu konzentrieren. Unscharfer Hintergrund = offene Blende, Bewegung einfrieren = kurze Belichtungszeit. Ganz ehrlich, das erkläre ich auch immer in meinen Film-Workshops und arbeite mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern genau das Belichtungsdreieck heraus, und auf dem Papier wirkt das natürlich alles logisch, aber im Eifer des Gefechts scheitern dann die meisten und meine Workshops sind bis jetzt nur für digitale Fotografie und das digitale Filmemachen. Man sieht also sofort das Ergebnis. Als erfahrener Fotograf unterschätzt man schnell, wie umfangreich die drei Belichtungsparameter für Anfänger sein können. Deswegen möchte ich dir mit meinem System möglichst viele Entscheidungen abnehmen. Bis jetzt ging es nur um die Technik an der Kamera, aber was ist mit dem Licht? Das kann man als Anfänger in der Regel auch noch nicht so gut einschätzen. Was passiert bei ganz leichten Schleierwolken vor der Sonne? Was macht man, wenn man an einem sehr sonnigen Tag im Schatten steht? Was macht man bei Gegenlicht? Hier fängt man dann doch wieder mit dem Raten und Schätzen an.
4. Der einfache Weg: das Handy als Belichtungsmesser
Es gibt aber einen einfacheren Weg, und der geht über euer Smartphone. Mittlerweile hat ja jeder ein halbwegs aktuelles Smartphone und kann damit fotografieren. Und weil man mit dem Smartphone auch fotografieren kann, kann man damit auch das Licht messen. Holt euch eine Belichtungsmesser-App für das Handy und zückt es einfach bei jedem Foto. Eure ISO sollte natürlich in der App eingestellt sein. Teilweise gibt es hier natürlich auch schon Presets für bestimmte Filme. Vor jedem Bild messt ihr jetzt das Licht ein und übertragt die Werte auf eure Kamera. Merkt euch nur, dass ihr immer gleich messen solltet.
5. Warum eine verlässliche Methode wichtiger ist als „gut raten“
Man kann die Belichtung auch schätzen, und wer von der digitalen Fotografie kommt, wird das auch schon sehr gut beherrschen. Man kann auch parallel mit analog und digital arbeiten. Erst mit der digitalen Kamera einmessen, evtl. auch ein Bild machen und dann die Werte an analog weitergeben. Du brauchst aber ein System, auf das du dich immer verlassen kannst. Und ich bin persönlich kein Fan mehr vom Zwei-Kamera-System. Es verkompliziert die Sache und man neigt dazu, dann doch wieder mehr Bilder zu machen – „ach dann mache ich doch noch schnell zwei oder drei digitale Bilder, kostet ja nichts“. Ich hab das auch gemacht und die analoge Fotografie ist dann wieder in den Hintergrund gerückt und das will ich persönlich nicht. Ich entscheide mich vor jedem Trip bewusst für analog oder digital. Klar, im Urlaub nehme ich beides mit, aber es wird der Urlaub kommen, den ich nur analog fotografieren werde.

6. Fazit
An sich ist die Belichtung von analogem Film nicht schwer, es gibt drei Parameter und dadurch eine festgelegte Anzahl von möglichen Kombinationen. Aber gerade die Kombinationen und die unterschiedlichen Lichtverhältnisse machen es dann doch wieder komplizierter. Du brauchst für die Belichtung am Anfang eine feste Methode, daran scheitern die meisten, weil sie die analoge Fotografie ja nur mal ausprobieren wollen. Beim Ausprobieren macht man aber oft viele Fehler und wird dann enttäuscht und verabschiedet sich von der analogen Fotografie viel zu schnell. Und eigentlich wollte man ja mit der analogen Fotografie aus einem bestimmten Grund anfangen.
Genau weil die Belichtung ein sehr entscheidender Faktor bei der analogen Fotografie ist, habe ich mein System in EINFACH ANALOG beschrieben. Hier bekommst du meine Werte und wie ich auch in kniffligen Situationen das Licht messe und Fehlbelichtungen vermeide.


