Warum sollte man heute eigentlich noch analog fotografieren?
Die digitale Fotografie ist der analogen in jedem technischen Bereich überlegen. Man kann die ISO pro Bild wechseln, das wäre wie wenn man für jedes Bild einen neuen Film einlegen könnte und nicht erst die 36 Bilder voll machen müsste. Im Mittelformatbereich ist das durch unterschiedliche Film-Rückteile möglich. Im Kleinbildformat aber nicht.
Man sieht sofort, was man fotografiert hat. Man hat also ein mobiles Labor immer dabei und kann direkt Anpassungen machen. Heller, dunkler, Blende zu, Blende auf. Klick, Klick, Klick.
Ein digitales Bild kostet quasi nichts (wenn man den Speicherplatz außen vor lässt). Zu dunkel belichtet? Kamera anpassen und einfach nochmal abdrücken. Serienbilder von einem Moment, der vielleicht nie wieder kommt? Klar, mit digital kein Problem.
Die Haptik der alten Kameras hat aber schon was. Die Rädchen und Hebel. Für jemanden, der gerne Klick-Geräusche hört und Dinge an Rädchen einstellt, natürlich ein Hochgenuss. Aber selbst das kann man mit einer digitalen Kamera auch haben. Dafür habe ich mir zum Beispiel die Fuji X100V gekauft und auch schon in einem Blogartikel geschrieben, dass diese Kamera meine Liebe zur Fotografie wieder geweckt hat.
Aber trotzdem bleibt da etwas bei der digitalen Fotografie auf der Strecke – das Gefühl. Mit der Fuji X100V hat man zwar das Retro-Gefühl, aber es ist eben doch noch digital.
Und genau da liegt der Punkt, den ich lange nicht verstanden habe: Alles, was bei analog technisch schlechter ist, ist gleichzeitig der Grund, warum die Bilder in meinen Augen besser werden. 36 Bilder, kein Display, keine zweite Chance. Ich hatte schon bei der X100V geschrieben, dass die bewusste Reduktion auf eine Brennweite mich kreativer gemacht hat. Analog ist dasselbe Prinzip, nur noch konsequenter.
1. Warum jetzt so viele wieder analog anfangen oder anfangen wollen
Echte physische Dinge sind wieder auf dem Vormarsch. Am deutlichsten sieht man das beim Vinyl: 2011 wurden in Deutschland noch rund 700.000 Schallplatten verkauft, 2024 waren es 4,9 Millionen. Fast das Siebenfache. Und das Wachstum hält seit 2007 an – 2025 kam die Schallplatte auf 44,2 Prozent des physischen Musikmarkts. Da ist ein deutlicher Trend zu sehen. Man muss natürlich auch den gesamten Markt anschauen. Vinyl macht hier nur ca. 6,3 Prozent aus, Streaming hat 84,4%. Aber es gibt eine wachsende Minderheit, die sich bewusst für das physische Medium entscheidet.
(Quelle: BVMI)
Auch bei mechanischen Uhren merkt man diese Sehnsucht nach Dingen, die ohne Akku funktionieren und in Würde altern dürfen. Hier muss ich aber sagen, dass das bei eher anekdotische Evidenz ist.
Ich schreibe viel lieber wieder in mein analoges Notizbuch anstatt in meine digitale Notizen-App, gerade in Meetings bin ich hier eher die Ausnahme, natürlich auch nur anekdotische Evidenz.
Und jetzt kommt auch noch der ganze Aspekt KI hinzu. KI schreibt, dichtet, lehrt, berät, therapiert, zeichnet, „dreht Filme“ und macht auch noch Fotos. Kein Wunder, dass sich die Menschen wieder nach echten Dingen sehnen. Die analoge Fotografie ist echt.

2. Der Fehler, den fast alle beim Einstieg in die analoge Fotografie machen
Sie beschäftigen sich mit der Technik, weil wir es aus der digitalen Zeit so gewohnt sind. Wie viele Megapixel hat diese Kamera, wie schnell ist der Autofokus und wie viel Dynamik hat die Kamera. Was kann ich da in Lightroom noch „rausholen“, „Fix it in post“. Das gilt für den Foto- und für den Filmbereich.
Und Neueinsteiger wollen es dann direkt auf die analoge Fotografie anwenden: Welchen Film brauche ich, wie muss man diesen Film belichten, welche Kamera ist die Beste, soll ich gleich in eine Leica investieren, was heißt Pushen, was heißt Pullen. Sie möchten alles verstehen, bevor sie überhaupt ein Bild gemacht haben und am Ende vergehen Monate. Monate ohne Fotos, dafür kennt man jede analoge Kamera, die jemals auf den Markt gekommen ist. Glückwunsch, jetzt kann man ein Archiv für Datenblätter aufmachen.
3. Die vier Hürden, an denen es oft hakt
Welche Kamera soll man kaufen? Ich empfehle meistens eine günstige manuelle SLR oder Messsucherkamera zum Anfangen. Kann man gebraucht kaufen, oder beim Händler. Hat beides Vor- und Nachteile.
Welchen Film soll man einlegen? Hier empfehle ich in der Regel einen günstigen Farbfilm für den Einstieg. Kodak Gold.
Wie belichtet man jetzt den Film? Viele von den älteren analogen Kameras haben zwar einen Belichtungsmesser, dieser funktioniert aber oft nicht. Also muss man oft die Belichtung schätzen, oder man nimmt sich eine Belichtungs-App zur Hilfe. Wer puristischer sein will, kann sich auch einen echten Handbelichtungsmesser zulegen.
Und wo entwickle ich dann die Bilder? Bei DM oder? Das ist auch ein Fehler, den viele machen. Ich schicke meine Filme zu hochwertigen Laboren, die sich auf die Entwicklung spezialisiert haben und nicht zusätzlich noch Drogerieprodukte verkaufen.
4. Was du wirklich brauchst
Eine Kamera, einen Film, eine Möglichkeit zum Lichtmessen und ein Labor. Das war’s eigentlich schon.
Du brauchst für den Anfang kein Stativ, keine Filter, keine Dunkelkammer, kein zweites Objektiv und keinen Scanner.
Du kannst dir eine günstige SLR holen und bist ca. ab 50 € dabei. Film für ca. 12 € bei DM. Entwickeln und Scannen pro Film bei einem hochwertigen Labor nochmal ca. 15 €.
Macht unter 80 € für den kompletten Einstieg inklusive deinem ersten fertig entwickelten Film. Weniger als ein einziges gebrauchtes Objektiv für eine DSLM. Eine gebrauchte DSLM (Vollformat = 35mm Kleinbild) bekommt man ab ca. 400€ ohne Optik.
Mit deiner Kamera, dem Film und deinem Lichtmesser kann es dann losgehen.

5. Was dich am Anfang frustrieren wird
Endlich hast du deine 24 oder 36 Bilder (je nachdem welchen Film du eingelegt hast) voll.
Die Wartezeit wird dich am Anfang nerven. Wann kommen endlich meine Bilder an? Hätte ich es vielleicht doch zu DM geben sollen? Die sind doch schneller. Egal, Josef hat gesagt, nimm ein gutes Labor.
Dann kommt endlich die Mail mit deinem Download-Link. Du lädst deine Bilder herunter und drückst wild auf den Öffnen-Button. Jetzt siehst du dein Werk von den letzten Wochen und wirst wahrscheinlich erstmal enttäuscht sein. Deine Bilder werden teilweise unterbelichtet sein, teilweise schief, vielleicht werden sie auch abgeschnitten sein, weil du vergessen hast, dass der Film nur 24 Bilder hat und nicht 36 … „Man, wieso lässt sich der Spannhebel nicht mehr weiterziehen? Ups, Film gerissen. Ach stimmt der Film hat ja nur 24 Bilder“.

Und genau das ist das, was ich an der analogen Fotografie so mag. Man wird über die Zeit genauer, man überlegt mehr. Man feuert nicht mehr einfach so.
6. Mein Weg – oder wie ich es machen würde
Am Anfang hat mich das auch alles überwältigt, ich habe mich auch viel zu viel mit Foren über analoge Fotografie beschäftigt.
Dann habe ich bewusst alles eingefroren, was man einfrieren kann. Das mache ich oft, wenn es ein Entscheidungsparadoxon gibt: einfach weniger Möglichkeiten zulassen.
Heißt in der analogen Fotografie: Eine Kamera, ein Film, eine Belichtungsmethode und ein Labor. Dann bleibt nur noch das Motiv und das Licht übrig.

7. Fazit
Der schwierigste Teil bei der analogen Fotografie ist nicht die Technik, nicht die Belichtung und auch nicht die Kamera. Es ist die Reihenfolge.
Deswegen habe ich EINFACH ANALOG geschrieben. Das ist die Reihenfolge, die ich eigentlich immer bei meinen analogen Fotos einhalte. Damit konnte ich meine Trefferchance pro Film deutlich erhöhen. Zusätzlich wollte ich mit dem Mythos aufräumen, dass analoge Fotografie „schlechtere“ Technik ist. Habe es öfters erlebt, dass Kolleginnen und Kollegen gesagt haben, dass sie es kurz ausprobiert haben und dann lieber wieder digital Fotografieren, weil man ja sofort die Ergebnisse sieht und halt lieber 2x oder 3x abdrückt und dann ein „korrekt“ belichtetes Bild hat.


