Analog fotografieren: warum echte Bilder wieder zählen
Wir fotografieren so viel wie noch nie, und die Smartphone-Fotografie hat das möglich gemacht. Mittlerweile hat jeder immer eine Kamera dabei. In einem sehr alten Artikel, iPhoneography, habe ich schon einmal darüber berichtet, wie ich damals mit dem Smartphone Bilder gemacht habe. Aber was einmal eine Befreiung und Demokratisierung der Fotografie war, ist heute leider vor allem eins: sehr viel Ausschuss. Wir fotografieren und screenshotten alles was geht, und die Erinnerungen an Feiern, Ausflüge oder unseren Alltag verschwinden zwischen Busfahrplänen, Fotos für Kleinanzeigen und Screenshots von Memes. Alle paar Wochen ploppt dann ein automatisch generierter Rückblick auf: „An diesem Tag vor drei Jahren“. Und du denkst dir „ach ja, stimmt, da war ich ja“ oder „ah, an diesem Tag vor drei Jahren habe ich alte Reifen zum Verkaufen fotografiert, die sollte ich mal löschen“ und zack vergessen.
Keine Frage, das Smartphone ist superpraktisch. Immer dabei, sehr schnell, immer scharf, und das einzelne Bild kostet quasi nichts. Man verpasst keinen wichtigen Moment mehr. Aber gerade bei den wichtigen Momenten, und das sind fast immer die Bilder von unseren Liebsten, stimmt danach etwas nicht mehr. Die Qualität ist top, aber was danach mit diesen Bildern passiert, ist das eigentliche Problem.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Smartphone kann alles – und genau das ist das Problem
Wie in der Einleitung schon geschrieben: moderne Smartphones mit mehreren Kameras sind unfassbar. Es soll sich anfühlen, als hätte man eine DSLM mit mehreren Wechselobjektiven in der Hosentasche. 50 Megapixel, beeindruckende Dynamik, alles editierbar wie am Notebook in Lightroom, dazu ein riesiger Speicher für tausende Fotos, die man natürlich auch immer alle dabei haben muss. Schnell, einfach, immer dabei und günstig. Zumindest das einzelne Bild, die Geräte selbst sind ja mittlerweile unfassbar teuer.
Und genau das ist der Haken. Wir machen nicht mehr ein Bild von einem Moment, sondern per Dauerfeuer dreißig und suchen dann das „beste“ aus. In der Realität sucht aber kaum jemand ein Bild aus. Es werden einfach alle dreißig in die Familiengruppe geschickt. Speicher kostet ja nichts, und die Zeit der anderen, die sich da durchwischen müssen, kostet ja auch nichts. Am Ende swipen alle durch die dreißig Bilder und machen ein Herz an den Post.
Aber warum machen wir überhaupt so viele Bilder? Die meisten haben sich noch nie mit Fotografie beschäftigt. Wie oft hört man den Satz „Ich mach jetzt mal ein paar, da wird schon ein gutes dabei sein“. Ohne System, ohne Nachdenken. Diese Herangehensweise entwertet jedes einzelne Bild, weil keins mehr etwas Besonderes ist. Es gibt nicht mehr das eine Bild von der Familie auf dem Berggipfel. Es sind jetzt dreißig Bilder, und die meisten davon Selfies.
Dabei sind es doch genau diese Momente, die bleiben sollten: die kleinen Sandschuhe am Strand, Omas Hände um die Kaffeetasse, der ganze Trupp als Silhouette oben am Gipfelkreuz. Durch gezieltes Fotografieren und bewusstes Auswählen kannst du dieser Entwertung entgegenwirken. Die bewusste Entscheidung, wann und wie viele Fotos du machst. Digital verleitet aber genau da zum „Overshooten“, weil das einzelne Foto ja nichts kostet.
2. Wo deine Bilder wirklich landen (Spoiler: nirgends)
Wir haben ja schon geklärt, dass man in der Regel viel zu viele Bilder macht, die dann auf dem Telefon und in der Cloud versauern. Wann hast du diese Bilder das letzte Mal bewusst angeschaut? Oder lässt du dir nur ab und zu „Momente“ vom Telefon präsentieren? Denn auch hier entscheidet der Algorithmus, was dir gezeigt wird und was nicht. Manche Bilder siehst du nie wieder, obwohl es vielleicht deine wichtigsten waren: das erste Lächeln deines Kindes, der letzte gemeinsame Sommer mit einem Menschen, den es nicht mehr gibt. Über andere wischt du nur kurz, und schon sind sie vergessen. Und einen Großteil vergisst man ohnehin, weil kaum jemand tausende Bilder im Kopf behalten kann.
Die Bilder und die Emotionen dahinter sind da, sie bleiben aber auf dem Gerät im Verborgenen. Genau da kann dir analog helfen.


3. Was analog anders macht – nicht besser, anders
Bei der analogen Fotografie ist die Anzahl der Bilder durch das Medium Film erst einmal begrenzt. Du hast 36 Bilder pro Film, nicht 4000. Du überlegst viel mehr, bevor du abdrückst. Du hältst einen Moment fest und nicht 47 Varianten davon. Das macht etwas mit dir und mit deinen Bildern.

Natürlich kannst du auch mehrere Filme mitnehmen und trotzdem auf Dauerfeuer schießen. Aber jedes Bild kostet hier Geld, und das merkst du spätestens beim Entwickeln.
Wenn du deine Bilder dann zurückbekommst, nachdem du vielleicht zwei Wochen gewartet hast, kannst du es kaum erwarten, sie anzusehen. Und zwar jedes einzelne, in Ruhe, kein kurzes Drüberwischen. Du lässt die Augen richtig über das Bild wandern. Noch schöner ist das auf einem großen Monitor oder als echter Abzug in der Hand.

Vielleicht entscheidest du dich auch dafür, ein Bild als Wandbild aufzuhängen. Das Familienfoto vom Sommerurlaub, an dem du jeden Tag vorbeiläufst und an dem du dann doch immer wieder mal stehen bleibst und dich zurückerinnerst. Das ist etwas, das bleibt. Etwas Physisches. Kein reiner Datensatz in der Cloud, dessen Passwort irgendwann verloren geht. Und etwas, das deine Kinder in zwanzig Jahren in einer Schuhschachtel wiederfinden können, ganz ohne Akku, App oder Login.
Analog ersetzt das Smartphone dabei nicht. Für den schnellen Schnappschuss bleibt das Telefon „leider“ die Nummer eins. Da bin ich mit meiner richtigen Digitalkamera auch nicht immer schneller. Manchmal braucht man eben doch den Weitwinkel oder das Tele, obwohl ich zugeben muss, dass ich meistens mit der normalen Brennweite am Smartphone fotografiere.


Mein Fotofeed sieht mittlerweile trotzdem viel aufgeräumter aus. Ich lösche kontinuierlich doppelte Bilder, schlechte Bilder, Screenshots. Das Fotografieren mit der Fuji und die analoge Fotografie haben mir dabei sehr geholfen.
4. Der Minimalismus-Gedanke: weniger festhalten, mehr behalten
Dieser Minimalismus-Gedanke und die Wertschätzung von echten Dingen zieht sich seit einiger Zeit durch mehrere Bereiche in meinem Leben. Kürzlich habe ich meine Garmin Smartwatch gegen eine normale Braun BN0032 getauscht. Irgendwie will ich nicht mehr jede Minute meines Lebens tracken lassen, um sie später zu analysieren. Ich bin leider viel zu anfällig für Daten und Statistiken.
Meine Notiz-App versuche ich mehr und mehr wieder durch ein Notizbuch zu ersetzen, das klappt aber noch nicht ganz so gut. Meine Sporteinheiten schreibe ich unkompliziert in die Notizen-App, das geht recht schnell. Man verliert aber auch den Überblick, und teilweise funktionieren sehr lange Notizen dann nicht mehr. Bin mittlerweile bei der Notiz „Training5“ angekommen. Spotify habe ich gekündigt. Musik-Dauerfeuer mag ich einfach nicht mehr, eher lege ich mal bewusst eine Schallplatte auf. Ich muss aber zugeben, dass ich durch meine Schnittprojekte teilweise sehr viel Musik hören muss. Ich korrigiere: Ich muss immer wieder das gleiche Lied hören, die Editoren kennen das.
In der Fotografie mache ich gerade eine ähnliche Transformation durch. Bei analog hat mich zuerst der Look angezogen. Mit den Fuji-Filmsimulationen hat es ja schon angefangen. Aber warum ewig alles simulieren, wenn man das Echte auch direkt bekommt? Nach einer Weile habe ich aber bemerkt, dass mich der ganze Prozess fasziniert. Das Auswählen des Films, die genaue Wahl der Einstellungen, die Einschränkung durch geringere ISOs, das Warten, wenn der Moment noch nicht ganz da ist, aber auch das Verpassen von Momenten. Das langsame Fokussieren. Das Warten auf die fertigen Bilder. Keine Bilderflut mehr, die man auswählen muss.
5. Fazit und Einladung
Das Smartphone ist immer dabei, du kannst damit jeden Moment festhalten, und nichts wird zurückgelassen. Dieses „nichts wird zurückgelassen“ kann man aber auch anders lesen: Nichts von der Smartphone-Fotografie bleibt wirklich. Alles ist im digitalen Nirvana gefangen. Mit der analogen Fotografie hältst du weniger fest, aber vieles davon bleibt.
Und genau das lohnt sich besonders da, wo es zählt: bei den Menschen, die dir wichtig sind. Wenn du das mal ausprobieren willst, im Urlaub, mit der Familie, oder einfach einen Sommer oder Herbst bewusst analog einfangen willst, dann findest du in EINFACH ANALOG den einfachen Einstieg. Schritt für Schritt, ohne Frust.
Du musst dir dafür nicht mal eine Kamera kaufen. Leih dir einfach eine aus und probier einen Film. Wenn es dich packt, merkst du das schnell genug.



