Warum analoge Fotografie gerade jetzt zurückkommt
Ich habe bis vor drei Jahren ausschließlich digital fotografiert. Analog war für mich veraltete Technik, ich habe es ja 2011 mal ohne System versucht und war davon so enttäuscht, dass ich es gelassen habe. Mit der Fuji habe ich dann die Liebe zur Fotografie im Allgemeinen wiedergefunden, die JPGs mit Filmsimulationen haben sich einfach so gut angefühlt. Dann hat mich das Thema analog wieder gepackt.
Parallel hat ein Kollege von mir auf dem Set auch analog fotografiert und ich digital. Ich habe dann versucht, den analogen Look nachzuahmen. Ich habe unterschiedliche Plugins und Presets für Lightroom getestet, Apps auf das iPhone geladen, Fotos in DaVinci Resolve bearbeitet, um den analogen Look zu bekommen.
Und dann dachte ich mir: Warum soll man überhaupt versuchen, diesen Look immer nachzuahmen, wenn man das echte Analoge direkt haben kann? Ich habe dann recherchiert, mir eine Kamera und Film gekauft und angefangen zu fotografieren. Zusätzlich habe ich meine analoge Phase aus dem Jahr 2011 analysiert und versucht herauszufinden, warum die Ergebnisse so inkonsistent waren. Nach einer Zeit hat sich bei mir ein System entwickelt. Das System, das ich jetzt EINFACH ANALOG nenne. Ich habe einfach versucht, möglichst viele Parameter einzufrieren, damit ich nicht die gleiche Enttäuschung wie 2011 erleben muss.
Inhaltsverzeichnis:
1. Es geht nicht um Nostalgie
Ich muss zugeben, dass mich am Anfang der analoge Look reingezogen hat. Das war der Auslöser für mich. Ich glaube aber nicht, dass es nur Nostalgie ist, weil die analogen Fotos von früher nicht mehr so aussehen wie die analogen Fotos von heute. Film hat sich über die Jahre auch weiterentwickelt.
Natürlich kann man das auch mit der digitalen Fotografie haben. Bei meiner Fuji habe ich auch das Anzeigen der Bilder nach dem Auslösen deaktiviert. Trotzdem schaut man zwischendurch auf die Bilder und checkt die Belichtung. Da kann man noch so diszipliniert sein. Ich fotografiere mit analog auch viel bewusster und ich wurde mit der X100V schon viel sparsamer mit den Bildern. Insgesamt habe ich seit 2021 rund 23.000 Bilder mit der Fuji gemacht. In analoge Zahlen übersetzt ist das komplett verrückt – das wären ca. 640 Filme, also je nach Film und Entwicklungskosten ungefähr 15.000 € (kommt natürlich auf euren Film an …). Digital spart hier natürlich enorm viel Geld, aber mit analog schießt man ja auch nicht so wahllos wie mit digital.
2. Das Muster ist größer als Fotografie
Ich habe aber auch das Gefühl, dass analoge Dinge allgemein zunehmen. Vinyl ist wahrscheinlich das beste Beispiel hierfür. Teilweise sehe ich aber auch mehr Menschen mit mechanischen Uhren und echten Notizbüchern, und witzigerweise backen auch viele Leute wieder mehr Brot selber. Ich kaufe meine Kleidung seit Jahren eigentlich nur gebraucht, Dinge dürfen wieder in Würde altern und man erfreut sich an der Patina. Menschen wollen wieder Dinge besitzen und nicht nur streamen (und unter Umständen wieder verlieren, weil der Streamer die Lizenz an einer bestimmten Serie verloren hat).
Natürlich ist das nicht der Mainstream. Der Mainstream kauft weiterhin auf Pump, least immer das neueste Auto und braucht natürlich auch immer sofort das neueste iPhone. Natürlich mit 1 TB Speicher, weil man ja seine 50.000 Bilder immer dabei haben will. Eine wachsende Minderheit möchte aber wieder Dinge analog machen und hier ist man mit der analogen Fotografie natürlich genau richtig.
3. Warum ausgerechnet jetzt: das KI-Argument
Und dann ist KI natürlich jetzt das Thema schlechthin und jeder LinkedIn-Hirni möchte mir jetzt erklären, dass mein Beruf sowieso komplette Zeitverschwendung ist, weil die KI das ja alles viel besser kann. KI schreibt Texte, programmiert Apps, wertet Daten aus und generiert eben auch Fotos. So verlieren all diese Dinge enorm an Wert. Die Datenverarbeitung und Mustererkennung empfinde ich noch als die nützlichsten Features von KI, weil man hier natürlich im Gesundheitsbereich enorm viele Fortschritte machen kann. Die Kunst ist und bleibt für mich aber ein Metier, in dem man echte Erfahrungen haben muss, um etwas von Wert zu schaffen. Ein KI-Foto hat keine echte Erfahrung in sich und ist somit wertlos. PUNKT. Diesen Satz wollen viele von den KI-Fotografen nicht hören. Sie haben nicht mal den Begriff Fotografen verdient, Lakaien der KI trifft es besser.
Die analoge Fotografie ist ein physischer Beweis für euch. Ein echter Moment, echtes Licht, echte mechanische Technik, echte Chemie auf einem Filmstreifen und eure echten Fähigkeiten kommen in einem echten Moment zusammen und schaffen etwas Echtes! Kein Prompt, kein Algorithmus, keine normalisierten (Gaußsche Normalverteilung) Daten. Je synthetischer unsere Welt wird, desto kostbarer wird das Unmanipulierte. Und plötzlich ist analog nicht mehr rückständig, sondern relevanter denn je.
Ich bin mir natürlich bewusst darüber, dass die analogen Bilder digital gescannt werden und dann digital auf unseren Festplatten liegen. Ich habe mir angewöhnt, viel mehr Dinge wieder ausdrucken zu lassen, seien es Fotobücher oder Fotos an der Wand. Macht das mit euren Fotos auch.
4. Was der „Widerstand“ mit deinen Bildern macht
Mit mehreren Filmen habe ich festgestellt, dass mich der analoge Prozess an sich begeistert. Man sieht ein Motiv, misst mit der App ein (falls die Kamera keinen Belichtungsmesser hat), spannt die Kamera und drückt ab. Und dann geht man einfach weiter, keine Kontrolle, keine vier Bilder vom gleichen Motiv, einfach einen Moment festhalten. Das Warten auf die Bilder hat auch etwas ganz Besonderes. Es ist Fluch und Segen zugleich. Ein Fluch, weil ich oft vergesse, wo und wann das Bild entstanden ist (weil ich teilweise auch Wochen für die einzelnen Rollen brauche), und Segen, weil man dann von Erinnerungen überrascht wird.
24 oder 36 Bilder, kein Display, Wartezeiten – das sind alles natürlich Nachteile und Einschränkungen. Aber das ist genau das, was dich in deiner Fotografie besser macht. Weniger Möglichkeiten, weniger entscheiden. Reduktion hat noch nie geschadet.
5. Patina und Dinge, die in Würde altern dürfen
Ich bin wirklich gespannt, wie sich meine analogen Bilder in ein paar Jahren anfühlen werden. Bei vielen digitalen Bildern habe ich den Drang, sie nochmal anzupacken. Man hat schließlich die RAWs und kann eigentlich alles verbiegen, was geht. Alle paar Jahre habe ich dann ein paar RAWs angefasst und wieder ein paar neue Techniken in Lightroom oder Resolve angewendet. Jetzt passen die Bilder, habe ich mir gedacht, aber ich weiß, dass ich in ein paar Jahren die Bilder wieder anfasse. Mit analog ist es irgendwie nicht so. Sie sind ein Zeitdokument.
Klar kann man analoge Bilder auch bearbeiten. Aber ich habe weniger den Drang dazu. Gerade die Fehler machen die Bilder irgendwie lebendig und zeitlos. So wie eben ein altes Auto, die alte Ledertasche von euren Eltern, ein alter Ring und eine alte Kamera von meiner Urgroßtante aus den 30er Jahren.
Ein perfektes iPhone-Bild, das aus mehreren Bildern zusammengerechnet wurde, hat keine wirkliche Geschichte. Es dokumentiert „perfekt“ und geschönt. Ein KI-Bild macht überhaupt nichts, es verbraucht Ressourcen und ist bei der Erstellung schon irrelevant.
6. Echte Erfahrungen
Jetzt muss ich noch etwas über echte Erfahrungen schreiben und wie egal das vielen leider mittlerweile geworden ist. Hier verstehe ich auch die jeweiligen Personen einfach nicht. Ich versuche, diese Geschichte sehr anonymisiert zu beschreiben, weil ich niemandem auf die Füße treten will. Ein Fotograf, den ich kenne, hat eine Hochzeit fotografiert, das Brautpaar und die Gäste sind begeistert von den Bildern. Ein paar Wochen später tauchen die Bilder dann als Profilfoto der Braut auf WhatsApp auf. Der Fotograf schaut sich das Profilfoto an und stellt fest, dass das Bild mit KI stark verändert wurde – und zwar wurden einfach falsche Tatsachen geschaffen. Das Brautshooting hat nicht mit einem Pferd im Wald stattgefunden. Die Braut hat sich selbst auch stark verändert. Die Braut hatte aber das Bedürfnis, das eigentliche Foto von der KI so ändern zu lassen. Das ist keine echte Erfahrung, erweckt aber den Anschein, dass es sich so abgespielt hat. Mehr Schein als Sein wird durch KI leider für immer mehr Menschen zum Modus Operandi. Die schöne neue KI-Welt …
7. Fazit
Für mein Fazit nehme ich die analoge Fotografie als Aufhänger – natürlich, es ging ja den ganzen Artikel darum. Analog kommt nicht zurück, weil es besser aussieht als digital. Digitale Fotos sind objektiv betrachtet natürlich viel besser (mehr Pixel, mehr Schärfe, weniger Rauschen …). Es kommt zurück, weil eine kleine, wachsende Minderheit etwas haben will, das echt ist.
Wenn es dir auch so geht und du die analoge Fotografie ausprobieren willst – ohne Frust und mit einem System –, dann schau dir mal EINFACH ANALOG an.


