Interviews drehen – Tipps für Videointerviews

Interviews drehen – Tipps für Videointerviews

In diesem Artikel erklären wir euch, wie man gute Interviews drehen kann. Wie so oft beim Film kann man nicht einfach so loslegen und ein Interview drehen. Also man kann schon – die Gefahr, dass es dann eher unprofessionell (oder sogar peinlich) wird ist aber sehr hoch. Gerade wenn man nur sehr wenig Erfahrung beim Drehen von Interviews hat.

Inhaltsverzeichnis:

Warum überhaupt ein Interview drehen?

Information und Emotion

Viele Werbefilme, Imagefilme oder Produktfilme profitieren von Interviews oder kleinen Statements. Informationen und Emotionen können über Personen besser vermittelt werden, als über Texte.
Ein Off-Sprecher wirkt oft etwas distanzierter im Film. Er hat natürlich auch seine Vorteile.
Wenn man aber authentischer kommunizieren will oder Experten zu Wort kommen lassen will, dann sollte man ein Interview drehen. Eine Kombination aus persönlichen Statements und Sprecher ist natürlich auch möglich.

In unserem Imagefilm für das Unternehmen Beiselen haben wir eine Kombination aus Sprecher und Interviews mit den Geschäftsführern gewählt.

Interviews für Filme

Man kann Interviews natürlich nicht nur in Werbe- , Image- und Produktfilmen verwenden. Auch kleine Filme für SocialMedia (Facebook,Twitter, Instagram) profitieren von der authentischen Kommunikation. Man kann aber auch einen Blogartikel mit einem Interview verbessern. Man schreibt zum Beispiel über ein bestimmtes Thema und baut dann noch ein Experteninterview als Film im Blogartikel ein.

Tipps zum Drehen von Interviews

Nervosität von unerfahrene Personen

Am häufigsten führt man Interviews mit Personen, die noch nicht viele oder keine Interviews vor der Kamera gegeben haben. Es gibt Naturtalente, die den Auftritt vor der Kamera sofort beherrschen, die meisten brauchen aber meistens eine Zeit, bis sie „auftauen“.

Entspannte Atmosphäre am Set

Daher sollte man eine möglichst entspannte Atmosphäre auf dem Set schaffen. Etwas Smalltalk am Anfang hilft enorm. Wir bauen das Interviewsetup auch schon komplett auf, bevor unser Interviewpartner den Raum betritt. Nach unserer Erfahrung sind die Interviewpartner deutlich entspannter, wenn man sie in ein fertiges Interviewszenario bringt. Am besten nimmt man ein Double für den Interviewpartner und richtet die Kamera, das Licht und den Ton mit dieser Person ein.

Authentische Ausagen

Wir lassen unsere Interviewpartner die Statements nicht auswendig lernen. Wenn man in einem Film ein Interview anschaut, dann merkt man in der Regel sehr schnell, ob diese Aussagen frei gesagt oder auswendig gelernt wurden. Der Tonfall und die Melodie der Sprache sind nicht so vielfältig bei auswendig gelernten Sachen. Oft wird der Text einfach nur „herunter gebetet“. Sprache kann aber viel mehr, sie kann laut, leise, dynamisch oder mit vielen Pausen sein. Diese Facetten sollte man der Sprache nicht rauben. Wir führen ein normales Gespräch und lenken die Fragen so, dass unser Interviewpartner die gewünschten Antworten selbst vor der Kamera formuliert. Wenn man es mit den eigenen Worten sagt, dann wirkt es authentischer. Dies hat zur Folge, dass man deutlich mehr Filmmaterial sammelt und später im Schnitt die passenden Aussagen auswählen muss. Kleiner Tipp: Man kann sich während dem Dreh aufschreiben, wann eine potentielle gute Aussage gemacht wurde. Hierfür einfach kurz den Timecode der Kamera aufschreiben.

Frage in die Antwort

Je nach Form des Interviews ist es von Vorteil, wenn der Interviewte die Frage in die Antwort mit einbaut. Da man so auf die Fragestellung des Interviewers verzichten kann. Man braucht die Frage auch nicht als Text einzublenden. Die Frage in der Antwort wirkt viel harmonischer, man muss den Interviewpartner aber darauf hinweisen.

Beispiel1: Frage nicht in Antwort
Interviewer: „Sind sie zufrieden mit der Entwicklung Ihres Unternehmens im letzten Jahr. “
Interviewte: „Ja“

Beispiel 2: Frage in Antwort

Interviewer: „Sind sie zufrieden mit der Entwicklung Ihres Unternehmens im letzten Jahr. “
Interviewte: „Wir sind sehr zufrieden mit der Entwicklung im letzten Jahr, wir konnten uns hier … verbessern.“

Einsilbige Personen

Es kommt natürlich auch vor, dass man eher wortkarge Interviewpartner hat. Die Person ist Experte in seinem Feld und kann auch sehr viel darüber berichten, vor der Kamera ist er aber eher schüchtern. Man sollte natürlich die oben genannten Tipps (entspannte Atmosphäre, Frage in die Antwort, etc.) beachten.
Manchmal hilft es aber auch zwei Fragen auf einmal zu stellen und so den Interviewpartner etwas aus der Reserve zu locken. Gerade wenn man sich an bestimmte Ereignisse im Leben erinnert sprudeln plötzlich die Gedanken und man kann deutlich mehr zu etwas sagen.

Beispiel 1: Eine Frage
Interviewer: Wann gelang Ihnen der Durchbruch bei Produkt A?

Beispiel 2: Zwei oder mehr Fragen
Interviewer: Wann gelang Ihnen der Durchbruch bei Produkt A und wie haben Sie sich dabei gefühlt? Wer war noch dabei?

Stille abwarten

Man sollte als Interviewer auch nicht sofort nach der Antwort die nächste Frage stellen. Manchmal hilft es auch einfach nichts zu sagen. Oft fällt dem Interviewten noch etwas gutes ein.

Bildgestaltung bei Interviews

Zur offenen Seite schauen lassen

In unserem Artikel Bildgestaltung bei Interviews gehen wir noch genauer auf die Bildgestaltung ein. Ein Tipp ist, den Interviewten leicht zu einer Bildseite schauen zu lassen, als würde er mit einer Person sprechen, die nicht zu sehen ist. Grade bei längeren Interviews kann man diese Technik verwenden. Der Zuschauer bekommt so den Eindruck als würde er gerade ein Gespräch zwischen zwei Personen anschauen.

die lichtfänger interview drehen Bildgestaltung
Direkt in die Kamera schauen lassen

Bei bestimmten Situationen macht es aber auch Sinn den Interviewpartner direkt in die Kamera schauen zu lassen. So wird der Zuschauer direkt angesprochen. Be Call-to-Action Statements macht dies besonders Sinn.

Zwei Kameras

Unsere Arbeitsweise

Wir drehen bei unseren Interviews mit zwei Kameras. Ab und zu können es auch drei sein, aber wir bleiben bei diesem Beispiel bei zwei. Mit zwei Kameras hat man mehr Spielraum in der Nachbearbeitung. Eine Kamera fängt die Szenerie in der Totalen ein und die andere Kamera die Nahaufnahmen. Bei wichtigen Aussagen, kann man dann auf die Nahaufnahme schneiden und so den Zuschauer noch einmal mehr fesseln.


Exkurs 4k

Exkurs zum Thema Interviews mit 4K Kameras. Ein oft angesprochener Vorteil von 4K ist, dass man digital ohne Verlust in das Bild hineinzoomen kann und somit den Bildausschnitt in der Postproduktion ohne Probleme ändern kann. Das funktioniert natürlich nur, wenn man mit 4K-Material auf einer 1080p-Timeline arbeitet. Das Material muss einfach eine höhere Auflösung als die Auflösung der Timeline haben. Trotz 4K verwenden wir immer noch zwei Kameras und zwar aus dem einfachen Grund der Perspektive. Mit einer Kamera hat man nur eine Perspektive und wenn man jetzt digital hineinzoomt, dann ändert sich nur die Einstellungsgröße, die Richtung bleibt die selbe. Für uns fühlt sich dieser Schnitt wie ein JumpCut an. Der Betrachter wird hier sehr auf den Schnitt aufmerksam gemacht. Bei zwei Kameras ändert man immer etwas die Perspektive und wenn man jetzt noch in der Bewegung schneidet, bleibt der Schnitt etwas subtiler. Wenn man mit der zweiten Kamera jetzt noch die Position und den Bildausschnitt beim Dreh ändert, dann kann man hier viele spannende Close-Ups einfangen. Mit einer Kamera ist dies nicht so einfach möglich. Wenn es wirklich schnell gehen muss, dann kann man nur mit einer 4K-Kamera ein Interview drehen. Im Newsbereich wird dies wahrscheinlich eine gängige Methode werden. Unsere Interviews sind aber nie ein „Schnellschuss“, sondern genauer geplant (eine bestimmte Location, eine bestimmte Person, etc.), daher werden wir nie auf die zweite Kamera verzichten.

die lichtfänger Interviews mit zwei Kameras

Interviews mit BRoll (Schnittbilder) verbessern

Man sollte zusätzlich zum Interview noch Schnittbilder oder BRoll aufnehmen. Diese Schnittbilder kann man zusätzlich zum Interview einblenden und so den Schnitt etwas auflockern. Man kann zur Aussage passende Situationen schneiden oder auch Details von den Händen (Gestik) zeigen. Wenn man mit zwei Kameras arbeitet und gleichzeitig noch BRoll von der Person aufnehmen will, dann muss man wohl oder übel eine Perspektive öfters verlassen. Wir lassen in der Regel die Totale fest und die Close-Up kann frei gewählt werden. Wenn wir mit drei Kameras arbeiten, dann kann eine Kamera komplett für BRoll verwendet werden. BRoll ist ein wichtiger Bestandteil von Interviews, kostet aber natürlich zusätzlich Zeit und Ressourcen.

die lichtfänger Interviews drehen BROLL

Welche Kamera und Technik für Interviews

Jetzt geben wir euch noch ein paar Tipps zur Technik. Ihr müsst nicht genau die erwähnte Kamera kaufen. Es ist mehr eine grobe Empfehlung in welche Richtung ihr recherchieren könnt.

 

Schnellstart

Ihr wollt am liebsten sofort mit dem Drehen von Interviews anfangen? Wenn ihr ein Smartphone habt, dann könnt ihr das auch machen. Das einzige was ich aber noch zusätzlich empfehlen würde ist ein gutes Mikrofon. Man will ja die interviewte Person auch gut verstehen. Mit dem Rode Smartlav (Amazon-Link) könnt ihr Interviews mit dem Smartphone aufnehmen und habt dabei auch noch guten Ton. Lest euch am besten noch die Artikel zur Smartphonefotografie durch. Es geht zwar mehr ums Fotografieren mit dem Smartphone, aber einige Punkte kann man auch fürs Filmen verwenden. 

 

Technik für Einsteiger

Ihr wollt nicht sofort anfangen, sondern könnt noch etwas Zeit in die Recherche investieren? Ihr braucht nicht sofort die größte und beste Kamera. Eine kleine DSLM oder DSLR reicht für den Anfang. Lest euch am besten noch unseren Artikel Welche Kamera zum Filmen durch um alle Vor- und Nachteile beim Filmen mit DSLR und DSLM zu kennen. 

Kamera:
Ihr braucht nicht unbedingt eine Vollformatkamera zum Drehen von Interviews. Ich würde eine Panasonic GH5 oder Sony A6300/A6400 empfehlen. Man bekommt diese Kameras auch schon gebraucht. Das übrige Budget würde ich eher in Licht- und Tonequipment investieren. Als Zubehör für die Kamera würde ich noch ein Netzteil kaufen (falls bei der Kamera keines dabei ist). Man braucht sich dann keine Sorgen um die Stromversorgung zu machen. 

Objektive:
Bei den Objektiven würde ich evtl. sogar auf die jeweiligen Kitobjektive setzen. In der Regel empfehle ich ja eher Objektive mit einer durchgehenden Blende, aber zum anfangen reicht meiner Meinung das Kit. In der Regel haben diese Objektive auch einen Bildstabilisator und so kann man zur Not auch Interviews aus der Hand drehen. 

Licht:
Beim Licht würde ich auf eine günstige LED setzen. Mittlerweile sind LEDs deutlich besser geworden und haben nicht mehr die niedrige Lichtqualität wie früher. Klar kann man eine LED für 100€ nicht mit einer für 500€ vergleichen, aber für den Einstieg reicht es. 

Ton:
Den Ton darf man auf keinen Fall vergessen. Hier würde ich auch wieder auf ein kabelgebundenes Lavalier setzen.  

Technikliste (Amazon-Links):

Panasonic GH5 inkl. 12-60mm Objektiv
Sony A6300 inkl. 16-50mm Objektiv
2x Neewer LED inkl. Lichtstative 
Rode Lavalier 
Verlängerungskabel für Klinke
Günstiges Videostativ

Dies waren ein paar Tipps zum Drehen von Interviews. Im nächsten Artikel gehen wir dann genauer auf den Schnitt von Interviews ein.

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die lichtfänger Josef Sälzle

Hi, ich bin Josef und schreibe bei die lichtfänger über Kamera– , Lichttechnik und über alles was das Filmemachen angeht. Bei Fragen könnt ihr mir gerne eine Mail schreiben.